
Die zwölf «Lehrstücke» von Trix und Robert Haussmann entstanden ab 1977 als experimentelle Untersuchungen zu Wahrnehmung und Funktion architektonischer Konventionen. Spielerisch und kritisch hinterfragten sie die Gestaltungsregeln der Moderne sowie deren Prinzipien von Reduktion und Klarheit. Als Gegenentwurf zu Leitsätzen wie «form follows function» entwickelten die Haussmanns ihre Gegenthese: «Störung der Form durch Funktion». Gleichzeitig setzten sie sich mit den als starr und inhaltsleer empfundenen Ideen der Spätmoderne auseinander und griffen auf Formensprachen früherer Epochen wie Manierismus und Renaissance zurück. Architektonische Elemente wie Säulen, Bögen und ornamentale Fragmente lösten sie aus ihrem ursprünglichen Kontext, verfremdeten und kombinierten sie zu neuen räumlichen Zusammenhängen. Dadurch entstanden Bedeutungsverschiebungen, welche die vertraute Ordnungen aufbrachen und die Instabilität historischer Zeichen sichtbar machten. Mit ihren «Lehrstücken», Materialverfremdungen, Raumillusionen und Anamorphosen hinterfragten Trix und Robert Haussmann konsequent die «Gute Form» als zentrales Prinzip funktionaler und rationaler Gestaltung und eröffneten damit neue räumliche und gestalterische Perspektiven.

Film © Design+Design 2025 – Lehrstücke – Hommage an Trix und Robert Haussmann




LEHRSTÜCKE
Mit ihren «Lehrstücken» überschritten Trix und Robert Haussmann Ende der 1970er-Jahre die Grenzen der traditionellen Architektur. Sie schufen zwölf experimentelle Objekte, die zugleich humorvoll, provokativ und präzise sind. Die Werke hinterfragen klassische Formen und Funktionen und setzen sich spielerisch mit den Paradigmen der Moderne auseinander. Diese Phase ihres Œuvres ist wegweisend und prägte dabei die Schweizer Postmoderne. Die «Lehrstücke» sind keine funktionalen Möbel, sondern Denkmodelle, welche die Logik von Architektur, Raum und Objekten bewusst auf den Kopf stellen. Dabei zeigen sie, wie sich die Bedeutung von Formen gezielt verschieben und neu interpretieren lässt. Aus ihrer intensiven Auseinandersetzung mit Manierismus, Surrealismus, Renaissance und klassischer Architektur entstanden die «Lehrstücke». Sie oszillieren zwischen Möbel, Architektur und Bildraum. Widerspruch, Humor und Illusion setzen sie dabei als kreative Werkzeuge ein. Diese Phase ihres Œuvres ist wegweisend und prägte die Schweizer Postmoderne.
Ein prägnantes Beispiel dafür ist «Lehrstück II», ein Behältermöbel mit Schubladen. Die ursprünglich kompakte Säule zerlegen die Haussmanns in einzelne funktionale Elemente – eine ironische «Störung der Form durch Funktion», wie sie es selbst bezeichnen. Damit stellen sie die klassische Ordnung von Form und Funktion humorvoll infrage und zeigen, wie sich architektonische Elemente durch spielerische Eingriffe neu deuten lassen. Bereits 1923 interpretierte Adolf Loos in seinem Wettbewerbsentwurf für die Chicago Tribune die klassische Säule radikal neu. Sein Entwurf orientiert sich am dorischen Säulenmodell und überträgt dieses auf die Form eines monumentalen, 30-geschossigen Hochhauses. Mehr als fünfzig Jahre später greifen die Haussmanns diese Referenz ironisch auf: Die Säule lässt sich zugleich als offener Schubladenkörper und als Wolkenkratzer lesen. Dieses Prinzip findet später auch bei der 1980 umgebauten Herrenboutique Weinberg an der Zürcher Bahnhofstrasse Anwendung.
Mit den «Lehrstücken» schaffen Trix und Robert Haussmann einen experimentellen Raum, in dem Konventionen sichtbar und hinterfragbar werden. Sie zeigen, dass architektonische und gestalterische Ordnungen keine festen Systeme sind, sondern Konstruktionen, die sich verschieben, zerlegen und neu zusammensetzen lassen. Durch die bewusste Unterwanderung der in der Schweiz damals dominierenden «Guten Form» im Umfeld von Max Bill eröffnen sie eine spielerische und zugleich kritische Perspektive auf die Moderne.
KONTAKT
Trix und Robert Haussmann
ARCHITEKTUR - DESIGN - KUNST
Mittelstrasse 47
8008 ZÜRICH
