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MANIERISMO CRITICO

Skulpturale Innenarchitektur
Trix & Robert Haussmann
Entwurfsjahr
1970 - 1973   Weinberg Damen
1977 - 1980   Weinberg Herren

Trix und Robert Haussmann zählen zu den prägendsten Persönlichkeiten der Schweizer Design- und Architekturszene. Mit ihrem Konzept des «Manierismo Critico» haben sie die Schweizer Postmoderne entscheidend mitgestaltet. Über fünf Jahrzehnte entwickelten sie eine einzigartige Formensprache, die gezielt die Wahrnehmung irritierte und gewohnte Sehweisen unterlief. Mit feinem Humor und spielerischem Ernst hinterfragten sie gestalterische Konventionen und erweiterten die Möglichkeiten architektonischer Konzepte. Ihr «Manierismo Critico» verwandelte Innenräume in begehbare Kunstskulpturen und setzte neue Massstäbe in der Raumwahrnehmung. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Projekten für Weinberg an der Zürcher Bahnhofstrasse. Dort entstanden surreale Bühnenräume, die an die Werke des italienischen Malers Giorgio de Chirico erinnern. Durch beschleunigte Perspektiven und historisierenden Formen verschmolzen architektonische Elemente nahtlos mit ihrer Umgebung, während Trompe-l’Œil-Effekte die illusionistische Wirkung verstärkten. So entstanden rätselhafte und zugleich moderne Räume, die international Beachtung fanden. Seit der Gründung der «Allgemeinen Entwurfsanstalt», ihres gemeinsamen Büros für Architektur und Design, Mitte der 1960er-Jahre, galten Trix und Robert Haussmann als Pioniere. Sie hinterfragten architektonische Standards und brachen Regeln. Daraus entwickelte sich ein facettenreiches, eigenständiges Œuvre, das aus der Zusammenarbeit zweier unterschiedlicher Positionen entstand.

MANIERISMO CRITICO

Der Begriff «Manierismo Critico» ist eine von Trix und Robert Haussmann geprägte Wortschöpfung und beschreibt ihre gestalterische Haltung. Der historische Manierismus des 16. Jahrhunderts entstand als Gegenbewegung zur Harmonie und Ausgewogenheit der Renaissance. Künstlerinnen und Künstler begannen damals, bestehende Regeln bewusst zu hinterfragen, Proportionen zu verschieben und Irritationen gezielt einzusetzen. Mit dem Zusatz «critico» übertrugen die Haussmanns diesen Gedanken in die Gegenwart. Sie formulierten damit eine kritische Position gegenüber den Normen der modernen Architektur und des Designs. Im Gegensatz zum funktionalistischen Grundsatz «form follows function» verstanden sie Gestaltung als offenes Experiment. Ihre Entwürfe verbanden historische Bezüge mit zeitgenössischen Formen, nutzten Widersprüche als gestalterisches Mittel und liessen Raum für Zufall und Mehrdeutigkeit. Damit stellten sie die Vorstellung infrage, dass Gestaltung eindeutig, rational und rein zweckorientiert sein müsse. Sie wandten sich bewusst von der reduzierten Formensprache der klassischen Moderne ab, wie sie von Sigfried Giedion, Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius und Le Corbusier sowie den Ideen des Bauhauses und der Hochschule für Gestaltung Ulm geprägt wurde. Statt Reduktion setzten sie auf Vielfalt, Ironie, historische Bezüge und die bewusste Irritation der Wahrnehmung.

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Diese Haltung prägte ihr Werk in Architektur, Innenarchitektur, Design und Kunst. Besonders deutlich zeigt sie sich in den Umbauten der Weinberg-Boutiquen an der Zürcher Bahnhofstrasse. Mit beschleunigten Perspektiven, Materialsimulationen, Trompe-l’Œil-Effekten und Spiegeln schufen die Haussmanns räumliche Inszenierungen, die an die surrealen Bildwelten Giorgio de Chiricos erinnern. Architektur, Ornament und Einrichtung verschmolzen dabei zu begehbaren Raumskulpturen. Diese Strategien setzten sie später auch bei Projekten wie den Boutiquen Courrèges und Lanvin sowie der Da Capo Bar im Zürcher Hauptbahnhof fort. Die Prinzipien des «Manierismo Critico» übertrugen sie auch auf das Möbeldesign. Dazu entwickelten sie zwölf kleine Architekturmodelle, die ihre These «Störung der Form durch Funktion» veranschaulichen sollten. Zwischen 1979 und 2007 entwickelten sie gemeinsam mit der Röthlisberger Schreinerei AG eine Serie von Möbeln, in denen sie ihre gestalterischen Prinzipien im Massstab 1:1 materialisierten. Daraus entstanden die sogenannten «Lehrstücke» wie der Säulenstumpf, die Mauerkommode oder der Brückenschreibtisch, jeweils in limitierten Editionen gefertigt. Ein wichtiger Moment der Sichtbarmachung ihres Konzepts war die Ausstellung «Manierismo Critico» im Studio Marconi in Mailand im Jahr 1981. Dort präsentierten die Haussmanns ihre «Lehrstücke», Modelle, Möbel und Designobjekte sowie das experimentelle Entwurfsinstrument «The Log-O-Rithmic Slide Rule». Dieses kombiniert Wörter statt Zahlen und erzeugt durch zufällige Verknüpfungen neue gestalterische Ideen.

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Mit ihrem spielerischen Umgang mit Formen, Materialien und Bedeutungen entwickelten Trix und Robert Haussmann eine eigenständige Position innerhalb der internationalen Postmoderne. Ihre interdisziplinäre Arbeitsweise sowie ihr Spiel mit dem Zufall waren ihrer Zeit weit voraus  und werden im heutigen Design- und Architekturdiskurs zunehmend neu rezipiert.​

FILM – VSI/ASAI – Matthias Kappeler

www.matthiaskappeler.ch

Interview mit Trix und Robert Haussmann

RETROSPEKTIVE

Eine Retrospektive des gta Instituts der ETH Zürich unter dem Titel «Trix & Robert Haussmann. The Log-O-Rithmic Slide Rule» von 2018, die an die Ausstellung «Manierismo critico / progetti, oggetti, superfici» (Studio Marconi, Mailand, 19.–26. Mai 1981) anknüpft.

KONTAKT

Trix und Robert Haussmann

ARCHITEKTUR - DESIGN - KUNST

Mittelstrasse 47

8008 ZÜRICH

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